Die beiden Becher

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Wenn die Dorfbewohner scheu am Tor des großen Parks vorbeieilten und sich bekreuzigten, so taten sie gut daran. Im Dorf munkelte man seit vielen Jahren, daß im Herrenhaus etwas nicht stimmte.
"Seht euch nur den Alten an. Unsere Großväter kannten ihn schon. Er ist steinalt und bedient die beiden Brüder immer noch. Außer ihm ist keine Hilfe im Hause."
Wie alt der betagte Diener war, wußte keiner zu sagen. Auf dem Sterbebett hatte ihm der alte Graf aufgetragen, seine Söhne niemals zu verlassen. Und der treue Diener sorgte für sie, sorgte seit vielen Jahren. Die Söhne des Grafen waren selbst bereits grauhaarige Herren, mit müdem Gang und runzeligen Gesichtern. Der ältere hieß Wilhelm, der jüngere Bernhard und beide liebten den schattigen, verwilderten Park, die Stille des Hauses und die Abendstunden in der Bibliothek bei einem Feuer im Kamin.
Wilhelm trank dann gerne ein Glas Rotwein, dachte nach, setzte sich an den Schreibtisch und versuchte zu schreiben. Nach wiederholten Versuchen rieb er seine Stirn und murmelte verstört: "Ich werde alt. Früher kamen mir nach einem Glas Wein immer so klare Gedanken, jetzt fällt mir gar nichts mehr ein." Und er zerknüllte ärgerlich das beschmierte Papier und warf es weg.
Bernhard trank kaum mehr Wein. Lud ihn sein Bruder ein, gemeinsam ein Glas wie früher zu trinken, so geriet der Jüngere in eine Erregung, sprang auf und verließ den Raum. Im Park lief er dann unruhig herum und murmelte verwirrt: "Wie konnte ich es tun? Wie konnte ich bloß?" Seine Gedanken wanderten zurück und verloren sich in der Vergangenheit.
Es war geschehen, als die beiden noch Kinder waren.
Eines Tages machte ihr Vater eine Reise in die nahe Stadt und brachte den Söhnen als Geschenk zwei gleiche Becher mit. Es waren sehr schöne Gefäße mit reicher Edelsteinverzierung. Der eine Trinkbecher war mit Rubinen, der andere mit Smaragden geschmückt. Der alte Kammerdiener, der ja bekanntlich alles wußte, schüttelte mißbilligend den Kopf und meinte sorgenvoll: "Ist nicht von Menschenhand geschaffen. Menschen können solch feine Sachen nicht anfertigen, das ist Zwergenarbeit. Wenn das nur kein Unglück bringt!" Aber die beiden Brüder lachten nur darüber und freuten sich über das Geschenk ihres Vaters.
Das war der eigentliche Beginn der Geschichte.
Der stillere und gutmütigere der beiden Brüder war Bernhard. Er war auch der Klügere. Tranken die Jungen jedoch aus diesen Bechern, wo wurde Bernhard von einem Tötungsdrang befallen, der ihn selbst und andere erschreckte. Er sprang auf, lief hinaus, ritt in den Wald und tötete das Wild und die Vögel, jedes Tier, das ihm vor die Flinte kam.
Wilhelm reagierte genau entgegengesetzt. Nach jedem Schluck wurde er stiller, besinnlicher, weiser. Er zog sich zurück, schrieb Geschichten und lange Briefe.
Die Brüder wuchsen heran und Bernhard heiratete. Die beiden Becher wurden statt mit Saft oder Milch jetzt mit Wein gefüllt. Saßen die Brüder zusammen und tranken, so sprang Bernhard nach dem ersten Schluck auf: "Blut! Blut will ich sehen! Blut, so rot wie der Wein, wie diese Steine!" Meist kam er spät zurück, mit blutbespritzter Kleidung. Man munkelte, der junge Herr überfalle Reisende auf der Straße.
Wilhelm jedoch sagte nach dem ersten Schluck: "Im Wein liegt viel Wahrheit, viel Weisheit, viel Ungeahntes!" Er blickte sinnend vor sich hin, betrachtete aufmerksam die Smaragde auf dem Becher, trank langsam weiter und dachte nach. Dann läutete er, befahl, Papier und Feder zu bringen und schrieb mehrere Stunden über so schwierige Dinge, daß er sogar die Gelehrten in Erstaunen versetzte.
"Diese unseligen Becher", klagte der alte Kammerdiener des verstorbenen Grafen, "sie werden noch Unheil anrichten."
Eines Abends saßen beide Brüder mit Bernhards Frau im Salon. Im Kamin flackerte das Feuer, die junge Frau strickte winzige Kinderwäsche. Bernhard läutete: "Bring uns Wein!", befahl er dem Diener, "den alten Burgunder aus dem Keller!"
Die junge Frau blickte besorgt zu ihrem Mann. "Wollten wir nicht spazieren gehen?", fragte sie schüchtern. "Erst trinken wir einen Schluck, Bruder." "Ich habe nichts dagegen!"
Der Wein funkelte in den goldenen Bechern. Bernhard nahm einen Schluck, seine Augen liefen rot an, er trank noch einen Schluck: "Blut...", sagte er langsam. "Blut, so rot wie dieser Wein!", schrie er plötzlich, sprang auf und stürzte zur Tür.
"Ich bitte dich, Bernhard", bat sein junges Weib, "bleib da." "Blut!", rief er wieder, drehte sich um und griff nach dem Schwert über dem Kamin. "Bernhard!", schrie die Frau verzweifelt, "Bernhard, bleib da! Mir zuliebe! Unserem Kinde zuliebe!" Doch Bernhard war berauscht, besessen.
"Weg da, Weib!", schrie er, "weg mit dir! Mach die Tür frei!" "Bernhard, ich bitte...", fing sie an. "Dann so!", brüllte er und stach ihr das Schwert in die Brust.
Lautlos brach sie zusammen. Das Entsetzliche war geschehen. Beide Becher zerbrachen im selben Augenblick und der Rest des Weines floß auf den Tisch und tropfte zu Boden; so rot wie das Blut, so rot wie die Steine. Die bösen Gedanken des Zwerges, der die Becher angefertigt hatte, waren in Erfüllung gegangen. Bernhard ließ das Schwert fallen, griff sich an die Stirn und fiel zu Boden. Wilhelm und der alte Diener bemühten sich um die junge Frau, aber jede Hilfe kam zu spät. Sie regte sich nicht mehr."Diese unseligen Becher", klagte der alte Mann, "hätte ich sie nur früher vernichtet..." Bittere Tränen liefen die mageren Wangen des treuen Dieners hinunter.




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