Isumrud-Chanum

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Dem alten Weisen Ibragim, dem besten Freund und Berater des Sultans, schenkte der allmächtige Allah auf seine alten Tage eine Tochter. Viele Jahre hatte er auf Kindersegen gewartet und viele Almosen an die Armen verteilt. Sein Haupt war im Laufe der Zeit grau geworden, doch nun hatte der Allmächtige sein Flehen erhört und ihn zum Vater gemacht.
Nicht umsonst nannte man ihn "Ibragim der Weise", nicht umsonst lobte man seine Klugheit, seine Überlegenheit, sein Wissen. Am Hofedes Sultans war er hoch geschätzt und geachtet. Auch andere Herrscherwünschten ihn sich zum Ratgeber. Viele Dinge, die Ibragim sah, bliebenanderen Menschen verborgen.
Seiner Tochter gab Ibragim den Namen Isumrud, was in der persischen Sprache "Smaragd" bedeutet. Noch am Tage ihrer Geburt forschte er inden Sternen und erblickte darin eine kurze, helle, leuchtende, kometenhafteZukunft - weiter vermochte er die Zeichen nicht zu deuten. Es schienihm, als hinge Isumruds Glück mit irgendeinem Gegenstand zusammen, abermit welchem nur? Vergebens mühte sich Ibragim, die Sterne gaben ihrGeheimnis nicht preis.
Unter den Gaben, die seine Freunde brachten, befand sich ein Ring, ein einfach gefaßter, schlichter Reif mit einem Stein, der weder blau noch grün war und sich nur am Abend dunkelrot färbte.
Sobald Isumrud laufen konnte, griff sie nach diesem Ring und trug ihn dann ständig an der Hand. Einige Jahre vergingen. Isumrud verlor ihre Mutter. Auch ihres Vaters Rücken krümmte sich und seine Schritte wurden müde und langsam. Dafür entfaltete sich die Tochter in einer solch seltsamen Weise, daß ihre Schönheit die Menschen in Erstaunenversetzte. Sogar der alte Sultan des Lands verlor den Kopf bei ihrem Anblick.
"Ibragim, alle Schätze, die ich besitze, gebe ich dir für deine Tochter Isumrud!"
"Aber nein", erwiderte der weise Mann, "sie ist doch noch ein Kind."
"Ich heirate sie!", drängte der Sultan.
"Deine Kinder sind älter als meine Isumrud. Außerdem habe ich nichts außer ihr."
"Was willst du für sie haben? Nenne den Preis, du bekommst, was immer du willst!"
"Für sie gibt es keinen Preis. Sie soll frei bleiben", wehrte der Vater ab.
Eines Tages erkrankte der alte Ibragim. Lange konnte er sich nicht erholen, dann spürte er das Ende nahen und rief die Tochter an sein Bett.
"Mein Kind", sagte er, "höre gut zu, was ich dir sage, es ist wichtig für dein späteres Leben. Als du geboren wurdest, las ich eine glänzende Zukunft für dich in den Sternen. Dein Schicksal ist jedoch an einen Gegenstand gebunden. Lange Zeit habe ich danach geforscht, was für ein Gegenstand das wohl sein mag, und erst vor kurzem ist es mir offenbart worden. Es ist der Ring an deiner Hand. Der Stein ist sehrselten. Es ist der Stein des Alexander und er besitzt die Eigenschaft, dieFarbe zu wechseln. So, wie seine Farbe sich verändert, so wirst auchdu dich in deinem Wesen wandeln können. Womöglich kannst du Großesvollbringen. Mäßige dich aber und lerne, deine Leidenschaftenzu beherrschen. Verlierst du einmal diesen Ring, so ist es auch mit deinerKraft und deinem Zauber zu Ende. Und nun lebe wohl, mein Kind, meine Stundeist gekommen."
Nach dem Tod des Vaters siedelte Isumrud in den prächtigen Palast des Sultans über und bezog dort einige abgesonderte Gemächer.
Seltsam schön ist ein Alexandrit! Je nach den Lichtverhältnissen leuchtet er grün, blau oder violett, abends bei schwindendem Tageslicht türkisfarben und blutrot bei Kerzenschein. Es ist ein ständiger Wechsel von Farbe und Leuchtkraft in diesem Stein.
Ähnlich war auch Isumrud. Es schien, als ob sich in ihr der Zauber und die Schönheit aller Frauen auf einmal vereinten. Sah der Stein blauaus, so war Isumrud zart, anschmiegsam und sanft, ihre Augen leuchteten blauund treuherzig, ihr Haar schimmerte hell, fast blond. Wechselte die Farbedes Steines zu grün, so wurde Isumruds Haar aschblond, ihre Augen geheimnisvoll grün und tief, und sie war unberechenbar, einmal anschmiegsam und weich wie eine Katze, dann wieder launisch und verspielt. Färbte sich derStein rot, so waren Isumruds Augen veilchenfarben, das Haar leuchtete braunrot, sie sprühte vor Temperament und Feuer, vor Geist und guter Laune. Niemand war dann imstande, ihr zu widerstehen.
Diese Abende waren Qual und Seligkeit zugleich für die Männer,die die geheimnisvolle, schöne Isumrud sagen. An solchen Abenden glaubte sich der Sultan der Erfüllung seiner Wünsche nahe. Die Augen des Mädchens glänzten verheißungsvoll. Sie besaß Machtüber den Herrscher und quälte ihn, sie war seine Chanum, seineHerrin. Genauso aber quälte sie den ältesten Sohn des Sultans,den schlanken, glutäugigen Amir. Es gab nichts, was er für sienicht gewagt hätte. Sie reizte ihn, spielte mit ihm, mal rief sie ihnzärtlich zu sich, um ihn dann ungehalten wegzuschicken.
"Isumrud-Chanum", bat der Sultan, "gebiete über mich. Du bist meine Sonne, mein Juwel! Heirate mich und ich verstoße alle anderen Frauen aus dem Harem!"
Isumruds Lachen klang wie tausend Silberglöckchen:
"Du bietest mir deinen Reichtum an, oh Sultan", sagte sie neckisch, "Amirs Augen verheißen viel mehr."
"Amir ist noch ein dummer Junge!", rief der Sultan eifersüchtig, "er ist erst achtzehn!"
"Ich bin auch erst fünfzehn, oh weiser Sultan."
Die Eifersucht des Herrschers wuchs "Ich lasse ihn köpfen, den dummen Jungen!"
"Aber nicht doch, es war nur ein Scherz, oh Erhabener", besänftigte ihn das Mädchen.
Von prachtvoller Schönheit sind die Nächte des Morgenlandes. Groß und nah funkeln die Sterne, die Luft ist warm und voller Rosenduft. Nochviel schöner war Isumrud. Sie tanzte. Ihr zarter Körper, geschmeidig und jung, bewegte sich rhythmisch, erst langsam, dann schneller und schneller, jetzt sah man nur noch ihren Schmuck glitzern und zarte Tücher wehen, wie eine leicht, bunte Wolke.
Plötzlich brach sie den Tanz ab und die Musik verstummte.
"Isumrud-Chanum, verlange von mir, was du begehrst, ich erfülle dir jeden Wunsch", sagte der Sultan ergriffen.
"Wirklich jeden?"
"Ja!"
"Hm ... vielleicht deinen Sohn Amir ...", begann das Mädchen. "Nein!", schrie der Sultan, "das geht zu weit!"
"Dann etwas anderes, oh weiser Herr. Ich sage es dir leise ins Ohr."
Sie streifte leicht seine Wange mit duftendem Haar. Er blickte überrascht und nickte.
Im Garten des Palastes traf Isumrud am nächsten Morgen Amir am Springbrunnen. Die Rosen waren noch feucht vom Tau und verströmten süßen Duft.
"Wenn du deinen Vater gedemütigt sehen willst", ihre Augen sprühten und sie lachte, "so komme in einer Stunde zum Strand, Prinz Amir!"
"Du bist so schön wie dieser Morgen, Isumrud! Du leuchtest sohell wie die Sonne! Es gibt keine Worte, um deine Schönheit zu beschreiben. Trotzdem bitte ich dich, den erhabenen Sultan nicht zu demütigen!"
Träumerisch und zärtlich zugleich blickte Isumrud den jungen Mann an: "Du hast recht, Amir, komm aber trotzdem", bat sie sanft.
Eine Stunde später ritt Isumrud auf einem prächtigen Schimmel zum Strand, dem wartenden Sultan entgegen.
"Du wolltest mich heute hier sehen", sagte dieser und winkteseiner Begleitung, zurückzubleiben. "Welchen Wunsch hast du nun,Herrin meines Herzens?"
"Wenn du mir diesen Ring zurückbringst, oh großer Sultan, so bin ich bereit, dich zu heiraten."
Sie streifte den jetzt blaugrün schimmernden Alexandrit vom Finger und warf ihn in die Fluten.
Einen Moment zögerte der alte Mann. Zwei Gefühle kämpftenin seiner Brust, doch die Liebe zu Isumrud siegte. Es war kinderleicht, denRing aus dem flachen Wasser zu holen. Er befahl seiner Begleitung, zurückzureiten und ging ins Wasser. Durch das klare, blaugrüne Naß schillerte der goldene Sand, der Ring jedoch war nicht zu sehen. Der Sultan wagte sich weiter, seine Kleidung wurde naß und schwer. Er machte noch einigeSchritte und verschwand plötzlich. Im gleichen Augenblick stürmteAmir heran.
"Wo ist der erhabene Sultan?" fragte er und brach betroffen ab. Vor ihm stand nicht die bezaubernd schöne Isumrud, nach der sein Herz sich verzehrte, sondern ein unscheinbares, blasses und häßliches Geschöpf.
"Dein Vater ist ins Wasser gegangen." Die Stimme klang so gewöhnlich, daß Amir sie kaum wiedererkannte. Der Zauber war gebrochen.
Man fand den ertrunkenen Sultan und brachte ihn in den Palast. Die Trauer im ganzen Land war groß. Am meisten jedoch klagte Isumrud, denn andiesem Tag verlor sie alles. Mit dem Verlust des Ringes büßtesie den ganzen Zauber ihres Wesens ein. Bald beachtete sie niemand mehr undsie geriet in Vergessenheit.




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