Das Geheimnis des Kristalls

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Geht ein aufmerksamer Wanderer an einem Sommertag durch den Bayerischen Wald spazieren, verweilt er unter dem schützenden Dach der hohen Bäume, läßt die Umgebung auf sich wirken und hört aufmerksam zu, so enthüllt ihm der Wald eine Menge Geheimnisse. So war es immer schon...
Träge zogen die Wolken am Himmel vorüber, die Quellen plätscherten und die grünen Baumriesen neigten ihre Kronen zueinander, rauschten und unterhielten sich. Sie erzählten sich Geschichten vom Wald.
Märchenhaft verwandelte sich plötzlich die Landschaft. Riesige, moosbewachsene Steine, die wie mit Samt bezogen schienen, erwachten zum Leben. Dazwischen huschten kleine flinke Waldgeister, die so schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.
War ein Waldgeist einem Menschen wohlgesonnen, so winkte er ihm zu und wies auf einen der Steine. Dann brauchte man nur mit der Hand darauf zu klopfen, und er öffnete sich von selbst und bot seine Schätze bereitwillig dar. Wie in einer kostbaren Schmuckschatulle sah es im Inneren eines solchen Steines aus: Malachite, grün und samten, mit wunderlichen, hellen Mustern verziert, lagen darin. Rosenquarze mit ihren sanften Farben verzauberten den Blick, und auch der seltene Rosensternquarz, der mit seinem sich wandelnden Stern so lebendig wirkt, fehlte nicht.
Der kleine Waldgeist griff hinein und holte einige der Kostbarkeiten heraus, die er freizügig den Menschen anbot. Man nahm die Gabe an, bewunderte das hübsche Geschenk und wollte dem Geber danken. Aber man suchte vergebens nach ihm. Weg war er, verschlossen und dunkel lagen viele gleich aussehende bemooste Steine herum.
Quellen durchzogen wie Adern den Wald. Jede dieser zahlreichen Quellen hatte ihren eigenen Schutzgeist. Es waren gute und böse kleine Geschöpfe. Die einen erquickten den müden Wanderer mit köstlichem frischem Wasser, wehten ihm Kühlung zu, wiesen ihn zu den an Pilzen und Beeren reichen Plätzen. Die anderen mochten die Menschen nicht und ärgerten sie gerne. Statt kühlem Trunk bekam ein Durstiger bittere oder salzige Flüssigkeit zu schmecken. Die kleinen munteren Plagegeister brachten die Menschen vom Wege ab und wenn diese müde über die Steine stolperten, lachten sie laut oder kicherten leise.
Eines Tages saß ein armer, müder Handwerksbursche im Wald und trank kühles Quellwasser. Die Sonne schien hell durch die Bäume, warf wunderliche Muster auf den weichen Moosteppich und den über Steine dahinplätschernden Bach. Jetzt erreichten die goldenen Strahlen die Stelle, an der das Wasser einen halben Meter tief zum nächsten Stein fiel und dort in tausend bunte Funken zersprang. Plötzlich sah der Bursche, daß im Wasser ein kleines, durchsichtiges Männchen tanzte. Es lachte, hüpfte munter herum, warf sein Käppchen in die Luft und fing es geschickt wieder auf. Mal zerrann die durchsichtige Gestalt, dann bildete sie sich wieder von neuem. Gespannt sah der junge Mann dem Schauspiel zu, seine Müdigkeit war vergessen. Jetzt winkte der Quellengeist ihn zu sich: "Ich weiß, dass du mich schon entdeckt hast. Komm her! Sieh mal, was ich da habe!"
Er hielt die Hände unter den Wasserstrahl und fing Tropfen auf, die sich in seinen Händen zu einer wunderschönen, funkelnden Schale formten. So etwas Schönes hatte der junge Mann noch nie gesehen.
"Möchtest du solche Gegenstände selbst anfertigen können? Dann merke dir das Rezept der Zusammensetzung. Ich sage es dir nur einmal, höre gut zu!" Und das Männlein gab das Geheimnis des Bleikristalls preis.
"Geh und fertige es nach! Es gelingt dir bestimmt. Du wirst ein großer Meister werden und beachtliche Reichtümer gewinnen. Als Dank wünsche ich mir eine ebensolche Schale von dir, wie ich sie dir gerade gezeigt habe. Deine schönste soll es sein!"
Der Quellengeist tauchte im fließenden Wasser unter und zerrann.
Über ein Jahr mühte sich der Bursche ab, bis er die ersten fertigen Gegenstände vor sich stehen sah: geschliffenes, herrliches Bleikristall aus dem Bayerischen Wald. Dann suchte er die schönste Schüssel aus und ging in den Wald. An der Quelle rief er nach dem Männlein, das zeigte sich, nahm das Geschenk entgegen, betrachtete es kritisch und meinte:"Nicht nur Sterne, Strahlen und Tropfen sollst du schleifen. Allen Tieren des Waldes, den Vögeln und den Fischen sollst du auf deinen Gegenständen eine Gestalt geben."
Die Schüssel stellte das Männlein auf einen breiten Stein unter einen Wasserstrahl, von außen tarnte es sie mit Moos und sprang dann hinein. "Juchei-ei-ei!", rief es begeistert aus, tauchte und tollte im Wasser herum.
Nach wie vor träumt der Bayerische Wald. Leise flüstern die hohen Bäume miteinander und erzählen sich ihre Geschichten. Riesige moosbewachsene Steine verbergen in ihrem Inneren kostbare Schätze, die sie nur selten hervorzeigen.
Auch der kleine Geist ist noch da und badet in seiner Kristallschüssel lustig weiter. An den klaren, sonnigen Tagen kann man ihn entdecken, ihm zusehen und hören, wie er da jauchzt und lacht. Doch wie man die richtige Quelle findet, ist ein Geheimnis, das zu lösen nur wenigen glückt. Denn im Bayerischen Wald gibt es viele, viele solcher Quellen.


"Was für ein wunderbares Abenteuer für den jungen Handwerker!", rief die Feenkönigin begeistert aus, wie reich wurde er auch mit Wissen beschenkt! Es ist eine ganz wunderbare Geschichte ohne Kummer und Schmerz. Ist der Bleikristall auch wirklich so schön?"
"Er ist es. Und er wurde dem besten Bergkristall nachgemacht. Nur wird de Bergkristall nicht so reich geschliffen und fassettiert wie Bleikristall, da er viel härter ist und seltener."
"zu Beginn sprachst du auch von Rosenquarz. Gibt es ihn wirklich?"
"Natürlich, sonst hätte ich dir nicht davon erzählt. Rosenquarz ist ein rosafarbener, milchig-trüber oder durchscheinender Quarz. Wenn man ihn mugelig schleift, so zeigt er einen sechsstrahligen Stern an der Oberfläche. Bewegt man den Stein, so bewegt sich auch der Stern."
"Hast du solche Rosenquarze?!
"Ja, die habe ich auch. Komm mit und sieh sie dir an. Wenn sie dir gefallen, lasse ich den Boden in deinem Schlafgemach damit auslegen. Dann wirst du beim Aufstehen auf Sternen laufen."
"Was für eine schöne Idee, hab Dank dafür."




 


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