Reliquie

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Siehe, wie königlich der Purpur leuchtet, wie herrlich die Juwelen glitzern! Wie prachtvoll die Pantöffelchen mit Perlen bestickt sind! Da, die Amethyste, in geheimnisvollem Violett, einer Farbe, die das Himmlische und Irdische harmonisch vereint. Hier, die Rubine, die glutvolle Funken sprühen! Und dort die sanften Saphire, die das Auge beruhigen und kosen.
Wie verzaubert stand das Mädchen vor dem Schrein. Kostbare Stoffe, edle Steine sah es. Die Gebeine, diese letzten Überreste eines Menschen, die an das Vergängliche erinnerten und an die Ewigkeit mahnten, die beachtete es nicht.
Der gelbe Schädel war klein und voller Risse, die Knochen der Hand fast durchsichtig, gekrümmt und mit kostbaren Ringen geschmückt. Auf dem Totenschädel leuchtete ein Diadem. Aus dem schweren Samt blickte ein Stück des Fußknochens in einem zierlichen Pantöffelchen.
"So viel Reichtum, verborgen und versteckt! Hätte ich nur einen dieser Ringe, nur diesen Gürtel, wie schön würde ich mich für ihn schmücken. Er liebt mich nicht, weil ich arm bin."
Die feuchte Dämmerung der Kapelle spürte das Mädchen nicht, sah nicht das Grinsen im erstarrten Schädel, nahm die Grabeskälte nicht wahr. Gebannt schaute es auf den verführerischen Reichtum der auf Seidenkissen ruhenden Reliquie.
"Wozu brauchst du all das?", klagte sie, "ich bin jung und arm, du bist tot und reich. Gib mir von deinem Reichtum ab, schenke mir nur einen kleinen Teil davon. Dich sieht um deinetwillen niemand mehr an, mich aber wird er lieben. Wie glücklich und dankbar wäre ich für einen einzigen Ring, für eine Spange, nur für eine Perle! Wie gerne würde ich mit dir tauschen und mich hinter das dicke Glas legen. Wie sehr würde er mich dann bewundern! Gib mir etwas ab von deinem Reichtum!"
Die Knochen unter dem Glas bewegten sich, der Schrein zerbrach. Vor dem erstaunten Gesicht des hübschen Mädchens erschien eine gelbe Hand, die ihr den Ring und andere Kostbarkeiten darbot.
"Nimm", sagte eine Grabesstimme. Der Kiefer bewegte sich, das Tuch bebte. "Nimm, du hast mich darum beneidet. Nimm meinen Schmuck und gib mir dafür deine Jugend, deine Frische, deine Schönheit. Nimm alles, wenn du glaubst, daß dies hier mehr bedeutet."
Das Mädchen streckte die Hand aus und berührte den Ring. Noch nie hatte sie etwas so Kostbares besessen! Gleich darauf reichte ihr die knöcherne Hand das Diadem, den Gürtel, die Perlen und die Armbänder.
"Ich danke dir", sagte die Schöne atemlos vor Freude und legte die Gaben an.
"Danke mir nicht, bedauere dich selbst und weine über deinen Leichtsinn."
Die Hände voll von Schätzen stürzte das Mädchen aus der Kapelle und eilte nach Hause in ihr ärmliches Stübchen.
Lange stand sie vor dem Spiegel und bewunderte die Kostbarkeiten. Sie konnte den Abend kaum erwarten.
Es dämmerte. Mit bebenden Händen legte die Schöne sich den Gürtel um den Leib. Sie setzte das Diadem vorsichtig auf ihr Haar und schmückte die schlanken Arme mit den dunklen Bändern. Dann ging sie ins Dorf zum Tanzen.
An diesem Abend glaubte sie das Herz des jungen Mannes gewonnen zu haben. Sie war selig. Den ganzen Abend tanzte er nur mit ihr allein, lobte ihre Schönheit und die Pracht der Juwelen. All die anderen Mädchen beachtete er nicht mehr. Sie war tatsächlich die Schönste von allen.
Kurz vor Mitternacht brachen beide auf. Wie zwei Verliebte gingen sie fest umschlungen durch die nach Blüten duftende Allee und der Mann flüsterte ihr leise die ewig alten und immer jungen Worte der Liebe ins Ohr. Die Worte, die schon ihre Mutter und Großmutter zum Beben gebracht hatten. Sie wußte nichts davon, für sie waren diese Worte neu.
Die Kirchturmuhr schlug zwölf. Wieder neigte sich der Mann ihr zu. Doch plötzlich verzerrte sich sein Gesicht in wildem Entsetzen. Hastig schlug er ein Kreuz und stieß sie von sich. "Was ist mit dir, mein Liebster?", fragte das Mädchen ahnungslos. Doch noch während sie die Frage aussprach, erfaßte sie eine grauenhafte Ahnung: Sie erkannte ihre eigeneStimme nicht mehr.
"Du kommst aus dem Totenreich! Weiche von mir, Schreckliche!"
Der Mann machte eine abwehrende Geste, wandte sich ab und floh...
Verwirrt, voller Enttäuschung, eilte die Schöne heim. Sie erreichte ihre Kammer und stürzte zum Spiegel, vor dem sie sich wenige Stunden zuvor so stolz in all ihrer Pracht bewundert hatte. Doch was sie nun erblickte, ließ ihr das Herz in der klammen Brust gefrieren. Sie sah direkt in die leeren Höhlen eines Totenschädels, dessen erstarrtes Grinsen von einem leuchtenden Diadem überstrahlt wurde.



Das schöne Gesicht der zarten Feenkönigin verzog sich schmerzlich. Tränen liefen wie schimmernde Perlen über die elfenbeinfarbene Haut. "Was für eine schreckliche Geschichte! Es ist doch nur natürlich, wenn ein Mädchen sich schmücken will. Die Schöne wollte ihre Gestalt zieren, um dem Auserwählten zu gefallen."
"Sieh doch, sie ist nicht für ihren Wunsch zu gefallen bestraft worden, sondern für ihre Habgier, für ihre unersättliche Gier nach Reichtum und Tand. Die heilige Zurückgezogenheit der Reliquie, das Andenken und der Respekt vor der Vergangenheit haben sie nicht davon abhalten können, ihr Begehr zu äußern. Doch um dich wieder zu beruhigen, will ich dir nun eine glückliche Geschichte erzählen, deren Ausgang dich heiter stimmen wird. Höre zu!"




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