Rosenquarz und Onyx

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Die Wellen schlugen in gleichmäßigem Rhythmus gegen das graueGestein und zersprangen in Myriaden funkelnder Diamanten. Kaskadenartig fielendunkelrote Rosen die Klippe herunter. Der Wind, mal sanft kosend, mal stürmisch wogend, bewegte Blätter und Blüten. Zerbrach die Woge am Felsen, so griffen ihre Ausläufer nach den Blüten und besprengten die leuchtende Pracht mit belebendem Naß. Weit ins Meer hinaus ragte die steile Klippe. An ihrer Spitze, umgeben von dichtem Grün, schimmerten die hellen Ruinen eines Schlosses.
Es lohnte sich, auf der anderen Seite nach dem kaum erkennbaren Pfad zu suchen und den steilen Weg zu erklimmen. Vielfach wurde man für diese Mühe belohnt.
Ungestört und üppig entfaltete sich hier die Vegetation. Vier strenge Zypressen bewachten den Eingang des Schlosses, die leuchtenden Blüten der Sträucher erfreuten das Auge. Das Gebäude war verfallen, das Dach eingestürzt. Die Reste der Wände jedoch ließen die frühere Pracht erkennen.
Mitten im Garten stand ein zierlicher Brunnen aus Rosenquarz. Das Beckenwar muschelförmig gestaltet, schwach sickerte das Wasser aus den Öffnungen und verdunstete sofort. Wenn man von dieser Stelle zur Schloßruinehinüberblickte, so war nur eine schwarze Säule zu erkennen. Siewar voller Risse, Gras wucherte aus ihr heraus, und nur an wenigen Stellenließ sich erkennen, daß dies früher eine kunstvoll gearbeiteteOnyxsäule gewesen war.
Vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch an Hexen und Zauberer glaubten und mit ihnen Kontakt pflegten, trug sich die folgende Geschichte zu.
Es ergab sich, daß ein Ritter mit einem Zwerg eine Abmachung traf:Der Zwerg versprach dem Ritter, ihm ein prächtiges Schloß zu erbauen, und noch genügend Reichtümer dazu. Der Ritter verpflichtete sich dafür, ihn als seinen Verwandten auszugeben und ihn an allen menschlichen Vergnügungen und Festen teilnehmen zu lassen, die im Schloß veranstaltet wurden.
So entstand mitten im Meer auf der Klippe ein Bauwerk von seltener Schönheit. Im maurischen Stil gehalten, jedes Gemach aus einem anderen Halbedelstein gefertigt, mit erlesenem Geschmack eingerichtet, hatte dieses Schloß kein zweites, das ihm an Pracht und Schönheit glich.
Die Zeit der frohen Feste begann. Tag für Tag kamen Gäste, bisspät in die Nacht spielte Musik, lachten vergnügt die Menschen,und zahlreiches Küchenpersonal sorgte für ausgesuchte kulinarischeGenüsse. Auf dem Ehrenplatz saß der greise Zwerg und versuchte,am Vergnügen der leichtfertigen Menschen Freuden zu finde. Aber kaumwaren einige Wochen vergangen, da fand der Alte die Unterhaltung hohl unduninteressant, die Gäste langweilig. Öfters blieb er dem Vergnügenfern und sein Platz verwaiste mit der Zeit ganz.
Ein neuer üppiger Sommer ging ins Land. Herrlich blühten die Rosen im Garten. Zu dieser Zeit betrat zum ersten Mal eine junge Schwedin mit ihren Eltern das Schloß. Das Mädchen zählte achtzehn Lenze undwar zu einer kühlen, aber außerordentlichen Schönheit erblüht, die die Herzen der Männer höher schlagen und die Frauen vor Neid erblassen ließ. Der Hausherr verliebte sich besinnungslos in das schöne Kind und warb um sie mit allen Mitteln. Schon glaubte er, ihre Zuneigunggewonnen zu haben, als der Zwerg wieder auf der Bildfläche erschien.Ein Blick genügte, und der Greis entflammte wie ein Jüngling. Alles,was längst vergessen, was seit langem schlief, erwachte plötzlichzum Leben und forderte seine Rechte. Der Zwerg beschloß, das Mädchenzu heiraten.
Er gestand ihr seine Liebe, doch sie lachte über ihn. Er verzehrte sich in Qualen der Leidenschaft und Eifersucht. Seine Liebe aber blieb unerwidert und brachte ihm nur Spott ein. Da entschloß er sich, zu den Zaubermitteln zu greifen. Schrecklich kann der Zauber der Zwerge wirken. Er braute einElixier, das das junge Mädchen willenlos machen sollte. Und es wirkte!Es verwirrte ihr die Sinne und trübte ihren Geist. Von da an sah dieSchwedin weder das Alter des Zwerges noch seine Häßlichkeit. Siehielt ihn für den edelsten und stattlichsten Mann auf Gottes Erde.
Vergebens kämpfte der Ritter um seine verlorene Liebe, das Mädchen sah und hörte ihn nicht mehr. In rasender Eifersucht verbot er dem Zwerg sein Haus.
"Hast du vergessen, was du geschworen hast?" fragte der Zwerg drohend, "Du bist wortbrüchig geworden, und nur deshalb, weildas Mädchen mich und nicht dich liebt!"
"Das ist nicht wahr!", rief leidenschaftlich der junge Mann aus, "mit Zauberei hast du sie verwirrt! Dich liebt sie nicht, denn dich kann man nicht lieben!"
"Hüte deine Zunge!", drohte der Greis.
"Ich bin bereit, meine Worte zurückzunehmen, wenn sie nicht wahr sind. Gib die Jungfrau frei und lasse sie selbst entscheiden. Wähltsie aus freien Stücken dich, so verlasse ich diese Gegend und kommenie wieder. Entscheidet sie sich jedoch für mich, so gehe du."
"Nun gut", antwortete der Zwerg, "ich werde dir beweisen, daß sie mir in Liebe zugetan ist. Es sei!"
Er holte aus der Tasche einen kleinen Beutel mit Kräutern und warf ihn zum Fenster hinaus. "Rufe sie und du wirst sehen, daß sie mich erwählt!"
Der Ritter entfernte sich und kam gleich darauf mit der Schwedin wieder.Bestürzt blieb sie an der Tür stehen und rief entsetzt aus:
"Was ist hier geschehen? Wer ist dieser betagte Mann?"
"Mein Mädchen, ich bin es doch, dein ergebener Diener...", fing der Zwerg vorsichtig an.
"Wie kannst du es wagen, mich dein Mädchen zu nennen? Bitte, edler Ritter, schütze mich vor diesem schrecklichen Geschöpf!"
"Du siehst, sie hat gewählt und sich entschieden. Gehe nun und störe uns nicht mehr!"
"Wohl denn", sagte der Zwerg drohend, "ich gehe, aber du, kaltes, herzloses Kind, sollst in Tränen vergehen! Und du, Wortbrüchiger, sollst in Hitze und Leidenschaft bis in alle Ewigkeit glühen!"
Ein mächtiger Donner erscholl, und das Schloß stürzte ein. Im selben Augenblick entstand ein rosa Springbrunnen im Garten und eine Onyxsäule anstelle des Schlosses.
So weint Tag für Tag der Brunnen. Kommt die Sonne hervor, so erhitzt sich der schwarze Stein der Säule, er atmet und glüht aus. Er leidet Feuerqualen und vermag die Tränen seiner Liebsten doch nicht zu trocknen.




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