Der Rubinring

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Das Dorf lag unweit des Berges und war klein und arm. Die schiefen Dächer und das magere Vieh, die schmal bemessenen Felder und die ärmlich gekleideten Bauern - all das zeigte die große Armut der Bevölkerung. Ein einziger Mann im Dorf war reich, und das war der Bürgermeister. Ihm gehörten außer einer Gastwirtschaft noch ein Krämerladen und ein großer Hof. Die meisten Einwohner des Dorfes waren bei ihm verschuldet und ihm mehr oder weniger hörig.
Oben auf dem Berg stand eine ausgebrannte Burgruine. Das edle Geschlecht, das hier einst gelebt hatte, war schon vor vielen Jahren ausgestorben. In der Nähe der zerfallenen Burg bewohnte ein junger Förster ein kleines Häuschen. Er war ein schmucker Bursche, der tagelang durch die Wälder streifte und nur über Nacht, und auch dann nicht immer, in seine Hütte einkehrte.
Nebelschwaden zogen über die Felder. Der Himmel war klar und der Mond schien hell. Am Fuße des Berges begann der dichte, dunkle Wald. Durch diese stille Landschaft ging der junge Förster dem Walde zu. Die ersten Nebelschwaden kreuzten seinen Weg, zogen weiter, wurden einmal dichter, dann wieder dünner. Langsam formte sich aus dem Nebel eine Gestalt und ein schlankes, blasses Mädchen stand vor ihm.
"Edler Ritter", sagte eine zarte Stimme, "ich friere so sehr, kannst du mich wärmen?"
Aufmerksam betrachtete der junge Mann die seltsame Erscheinung. Durch die leichten, wehenden Gewänder sah er ein schmales, fast durchsichtiges Geschöpf mit langem Haar und großen traurigen Augen.
"Du bist doch der Spuk aus dem Bach. Mach dich fort und gib mir den Weg frei!"
"Ich friere so sehr, edler Ritter Hugo", sagte das Mädchen wieder.
"Hugo heiße ich zwar, aber ein Ritter bin ich nicht, kleines Nebelmädchen. Du verwechselst mich sicher. Ich bin der Förster!"
"Ich verwechsle dich nicht, ich kenne dich, Ritter Hugo. Ich sehe dich so oft am Abend diesen Weg gehen. Wärme mich, edler Ritter."
"Komm her! Hier hast du meine Jacke und nun lebe wohl." Er zog die Jacke aus und legte sie dem Mädchen um die Schultern. Der Nebel löste sich auf, die Jacke fiel zu Boden und das Mädchen stand gleich wieder daneben.
"Deine Jacke wärmt nicht", sagte es, "gib mir deinen Ring."
"Meinen Ring?", fragte der Förster verwundert.
"Dieser Ring ist heute mit Füßen getreten worden. Heute Abend habe ich um die Tochter des Bürgermeisters angehalten, und da ich nichts Besseres besitze, wollte ich ihr diesen Ring schenken. Er hat meiner Mutter gehört. Aber sie hat mich nur ausgelacht. Sie lachte mich vor allen aus. Was bin ich schon? Ein armer Förster! Ich bin keine Partie für die reiche Bürgermeisterstochter. Und ausgerechnet du willst den Ring haben?"
"Sieh nur, welche Wärme er ausstrahlt! Wie viel heiße Glut er spendet! Darf ich mich daran wärmen?"
Erstaunt betrachtete der junge Mann den Stein an seinem Finger. Der Rubin glitzerte und leuchtete. Ein gleißendes Feuerwerk schien aus ihm empor zu steigen.
"Hier hast du ihn", sagte er plötzlich und streifte den goldenen Reif vom Finger. "Heiraten werde ich doch nicht, du kannst dich daran wärmen."
Das Mädchen nahm das Geschenk entgegen, der Stein wurde in ihrer Hand groß und hell und leuchtete wie eine Flamme.
"Habe Dank, Ritter Hugo. Hier, nimm dies für das Mädchen, das du liebst. Doch bevor du ihr den Schmuck gibst, zeige ihn einem Juwelier. Hat dich das Mädchen gern, ist ihre Liebe zu dir echt und tief, so bringt ihr der Schmuck Segen. Liebt sie dich nicht, so zerrinnt er in ihrer Hand."
Die Unbekannte strich über ihr Gewand und hielt dem Förster eine Kette aus großen Perlen hin.
"Gute Nacht, Ritter Hugo."
Der Nebel löste sich auf, der Weg war frei.
Bei Sonnenaufgang erwachte der Förster, zog sich an und ging in die Stadt. Er betrat ein Juweliergeschäft und legte die Perlen auf den Tisch."Was ist diese Kette wert?", fragte er skeptisch.
Der Juwelier betrachtete die rosa schimmernden Perlen lange. "Diese Kette ist so kostbar, daß ich sie nicht bezahlen könnte. Nur einmal in meinem Leben habe ich ähnlich seltene Perlen gesehen. Das war vor vielen Jahren, als da droben auf dem Berg noch die gräfliche Familie wohnte. Die Gräfin besaß eine ähnliche Perlenkette."
Der Förster bedankte sich und ging.
Am Abend war die einzige Gastwirtschaft des Dorfes voller Menschen. An der Theke bediente die Tochter des Bürgermeisters. Der Förster betrat die Gaststube, ging zur Theke, grüßte freundlich und legte das offene Etui vor das Mädchen hin. Ihre Augen leuchteten gierig auf.
"Sind die echt?" Sie griff nach dem Schmuck.
"Natürlich", antwortete der Mann gelassen.
"Oh, wie schön! Ist die Kette für mich! Hast du noch mehr davon?"
"Sie ist für dich."
"Du bist mir doch wegen gestern nicht böse? Es war nur ein Spaß! Hast du auch einen Armreif dazu?"
"Ich sehe mal nach", kam die ausweichende Antwort. Das Mädchen nahm die Kette und lief von einem Tisch zum anderen. "Habt ihr schon mal so schöne Perlen gesehen? Es ist ein Verlobungsgeschenk von Hugo! Wie groß sie sind!"
Nun lief sie zum Spiegel, legte die Kette um und betrachtete sich zufrieden. Die Perlen wurden matter, kleiner und zerrannen schließlich ganz. Am Hals des Mädchens hing nur noch die leere Schnur.
"Du bist ein Betrüger!", schrie sie erbost.
"Ihr habt es alle gesehen, ihr seid alle meine Zeugen! Vater! Vater! Sieh nur, was er gemacht hat! Öffentlich hat er mich bloßgestellt. Hinaus mit dir, du Betrüger! Sperr ihn ein, Vater!"
Der arme Hugo wurde von starken Armen gepackt und in das Dorfgefängnis geworfen.
Stunden gingen vorüber. Der junge Mann saß auf dem feuchten Steinboden an die Wand gelehnt und blickte durch das kleine vergitterte Fenster auf die wenigen Sterne am Himmel.
Nebel zog auf, versperrte für kurze Zeit die Sicht, sickerte in die Zelle hinein, nahm Gestalt an, und das Nebelmädchen stand vor ihm.
"Armer Ritter Hugo", sagte es, "du hast heute viel Schlimmes ertragen müssen. Willst du, daß ich dein Gefängnis öffne? Es macht mir keine Mühe."
"Warum soll ich fliehen? Ich habe nichts Unrechtes getan."
"Die Nacht ist lang, Ritter Hugo, komm mit. Bis zum Morgengrauen bist du wieder da. Komm, ich will dir etwas zeigen."
Zusammen verließen sie das Gefängnis, erreichten ungehindert den Wald und stiegen die Anhöhe zur Burg hinauf.
"Diese schöne Burg ist vor fünfundzwanzig Jahren abgebrannt", sagte das Mädchen.
"Davon habe ich gehört. Alle sind in den Flammen umgekommen, es gibt keine Nachkommen des Geschlechtes und die Ruinen verfallen."
"Das stimmt nur zum Teil. Komm mit. Dieser Raum da ohne Dach und Fenster war einst das Schlafgemach der Gräfin. Stell dich hier an die Wand. Siehst du, was ich in der Hand halte? Das ist dein Ring. Und jetzt paß auf!"
Der Stein wurde groß, durchsichtig und lebendig. In seinem Innern formten sich Bilder. Ein prunkvolles Bett stand in der Mitte, eine junge Frau lag darin, blaß, bleich und glücklich. Ein Mann küßte ihre Hand und überreichte ihr ein Etui mit Perlen...
"Das sind dieselben!", rief der Förster.
"Ja, das sind dieselben. Diese Perlen schenkte der Graf seiner Gemahlin, als du geboren wurdest."
Jetzt erst erblickte Hugo eine kleine Wiege und ein winziges Geschöpf darin. Aber das Bild zerrann.
"Komm mit, Ritter Hugo. Dies ist das Speisezimmer gewesen. Was siehst du jetzt im Stein?"
"Einen gedeckten Tisch, meine Eltern und... ist es möglich? Da ist doch der Bürgermeister! Oder täusche ich mich?"
"Nein, du täuschst dich nicht. Er war der Diener deines Vaters. Und was siehst du jetzt?", drängte das Mädchen.
"Eine Köchin oder eine Küchenhilfe... sie dreht sich um. Ist das nicht die Frau Bürgermeisterin? Ja, sie ist es! War sie auch bei meinen Eltern im Dienst?"
"Sie war es. Komm weiter. Hier ist dein Zimmer gewesen. Schau aufmerksam hin. Was siehst du jetzt, Ritter Hugo?"
"Eine ältere Frau und ein Kind. Meine Mutter stürzt herein... sie ist sehr aufgeregt... sie streift den Ring von ihrem Finger... sie steckt ihn der Frau zu und das Geld... viel Geld... man wickelt mich in eine Decke ein... die Frau eilt mit mir aus dem Zimmer... ich sehe Feuer, Flammen... ich sehe meinen Vater... er liegt am Boden in seinem Zimmer und er blutet... die Mutter kniet daneben... ein Mann flieht in Eile aus der Burg... er trägt etwas in der Hand... ein Paket? ... einen Koffer! ... Das ist der Bürgermeister! Er ist es! Ich habe ihn deutlich erkannt! Die Decke stürzt ein und begräbt meine Eltern! Meine armen Eltern..."
"Beruhige dich, Ritter Hugo. All das liegt fünfundzwanzig Jahre zurück. In diesem Gemach, das das Arbeitszimmer deines Vaters war, standen entlang der Wände viele Bücherschränke. Einer der Schränke war beweglich und verbarg den Eingang zur Treppe in den tiefsten Keller, in dem dein Vater seine Dokumente und sein Geld aufbewahrte. Der Diener hat nur einen geringen Teil des Vermögens entwendet, nachdem er das Feuer gelegt hatte. Drücke mal auf diesen Stein, er bewegt sich. Gehe getrost die Treppe hinunter, Hugo, und sieh dich dort unten um."
Die Tür öffnete sich und gab den Durchgang zu einer sehr schmalen Treppe frei. Der Förster ging hinunter. In einem kleinen, muffigen Raum standen einige eisenbeschlagene Truhen. Sauber sortiert und gebündelt lagen die Familienpapiere und Wertsachen darin, mehrere Säckchen mit Goldmünzen standen auf dem Boden.
"Kleines Nebelmädchen, wie kann ich dir danken?", fragte der Förster bewegt. "Du bist die Beste und die Treueste von allen, und wärest du nicht aus Nebel, so würde ich dich gleich heiraten!"
Das Mädchen streckte die Hand aus und berührte sanft die Wange des Mannes. Die Hand war fest, warm und zart. "Das kannst du ruhig tun, Ritter Hugo", antwortete sie verlegen, "ich war dazu verurteilt, ruhelos als Nebel zu wandern, bis mich die Liebe eines Mannes erlösen konnte. Nun werde ich geliebt, also bin ich erlöst und bestehe genau wie du aus Fleisch und Blut. Aber beeilen wir uns, bald geht die Sonne auf!"
Vier Wochen später heiratete Ritter Hugo das Nebelmädchen. Das junge Paar baute die Burg wieder auf und lebte dort unbeschwert in Glück und Frieden viele, viele Jahre lang.
Den Bürgermeister aber verbannte Ritter Hugo samt seiner Frau und der Tochter aus der Gegend. Das Vermögen, das der Skrupellose gestohlen hatte, wurden unter den Armen und Bedürftigen des Dorfes verteilt.





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