Das Tafelgeschirr des Königs

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Es regierte einst im Lande ein alter, schlauer und habgieriger König. Je älter er wurde, umso habgieriger wurde er. Die Kunde von ihm lief durch das ganze Land und erreichte auch die Zwerge. Einer der Bergbewohner entschloß sich, den unwürdigen König zu bestrafen. Er fertigte ein goldenes Tafelgeschirr von seltener Schönheit an. Solange er an diesem Gerät arbeitete, bewegte ihn nur ein Gedanke: Der König muß von seiner Habgier ablassen! Jeder Mensch, der älter wird, muß klüger, verständiger, milder werden, muß seine Fehler einsehen und mit seinem grauen Haupt, da ja die Reinheit der Seele bedeutet, die Weisheit erlangen.
Nach geraumer Zeit stand eine ansehnliche Kiste voller goldener verzierter Teller, edelsteingeschmückter Becher und kunstvoll gearbeiteter Krüge da.
All diese Pracht wurde sorgfältig verpackt und an den Hof gebracht."Eure Majestät, erlaubt mir, dem geringsten Eurer Untertanen, Euch diese Gabe zu Füßen zu legen", sagte bescheiden der Meister.
"Ich nehme keine Geschenke an", wies ihn der König unfreundlich zurück, "ich habe da so meine schlechten Erfahrungen gemacht. Wenn man mir etwas schenkt, so erwartet man gleich etwas anderes dafür."
"Wie Eure Majestät wünschen", meinte der Zwerg ergeben, "ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber bevor ich gehe, möchte Majestät doch kurz einen Blick auf die Sachen werfen."
Er öffnete die Kiste und zeigte den Inhalt. Die Augen des Königs wurden groß und seine Finger griffen gierig nach den Schätzen.
"Was willst du dafür? Woher hast du diese Sachen?" "Ich habe sie selbst für Eure Majestät geschaffen, sie sind nur eines Königs würdig." "Ws willst du dafür haben? Ich nehme nichts umsonst." "Wenn ich mir erlauben darf, ein altes Silberstück aus der Hand Eurer Majestät genügt." "Abgemacht! Man bringe mir meine Schatulle!", rief der König. Der Handel schien ihm günstig. Der Meister erhielt vom König eine Münze und ging zufrieden davon.
Schon am nächsten Tag gab es ein Fest am Hofe und viele Edle waren eingeladen, um ihnen das neue Tafelgeschirr zu zeigen und damit zu prahlen. Das allerschönste Gedeck nahm sich der König selbst.
Die Festmahlzeit begann. Die ersten Speisen wurden aufgetragen. Der König nahm einen Bissen, sein Gesichtsausdruck veränderte sich, ein riesiger Hunger überfiel ihn.
"So bringt doch endlich den nächsten Gang!", schrie er ungeduldig. Aber je mehr aufgetischt wurde, um so hungriger wurde die ganze Gesellschaft. Schon mußten einige herausgetragen werden, weil ihnen unwohl geworden war. Aber sobald sie den Speisesaal wieder betraten und sich an die Tafel setzten, aßen sie weiter und weiter. Der König öffnete seine Kleidung, die ihn beengte, er konnte nur noch mit Mühe atmen. Sein Hunger aber war nicht gestillt, ganz im Gegenteil.
"Was steht ihr so lahm da?!", herrschte er die Bediensteten an, "tragt doch auf! Los! Den nächsten Gang, aber beeilt euch!"
Die Diener liefen eilig davon und kamen mit leeren Händen zurück. Die Speisen waren alle. "Das kann doch nicht wahr sein. Das hat es noch nie gegeben, daß meine Gäste und ich nicht satt wurden! Wo ist der Koch?"
Zitternd erschien der alte Küchenmeister, verneigte sich tief und sagte: "Eure Majestät möchte so gnädig sein und mir vergeben. Ich habe heute mehr gekocht und gebraten als sonst, aber nun sind alle Töpfe leer und ich habe auch keine Vorräte mehr, die ich zubereiten könnte. Ich bitte Euer Majestät untertänigst um Vergebung."
Das Fest endete mit einem Mißklang. In der Nacht schlief der König unruhig, kaum graute es, da verlangte er auch schon nach einem Frühstück. Der Kammerdiener erschien mit einem Tablett, auf dem frische Speisen im gewohnten Frühstücksgeschirr liebevoll angerichtet waren.
"Hinaus, du Lümmel! Wo ist mein schönes, neues Geschirr? Ich wünsche nur noch davon zu speisen!"
Das Frühstück wurde im neuen Gedeck gebracht und der König aß und aß...
Bald fühlte er sich nicht mehr wohl, er war zu schwer und zu dick geworden, aber der Hunger quälte ihn weiter bei Tag und Nacht. Um die körperlichen Schmerzen zu vergessen, lud er sich jetzt zum Essen immer Gäste ein. Das Küchenpersonal mußte erst verdoppelt werden, dann verdreifacht. Es wurde nicht mehr regiert, es wurde nicht mehr für die Untertanen gesorgt, jegliche Unterhaltung entfiel. Es wurde nur noch gegessen, gegessen, gegessen...
Bald waren sämtliche Speisekammern leer. "Was steht ihr so dumm da? Ich habe doch Gold genug in den Truhen! Geht und kauft ein! Ihr werdet doch euren König nicht verhungern lassen!"
Aber alles Gold reichte nicht aus, um den täglich wachsenden Hunger des Herrschers zu befriedigen. Der arme König konnte sich kaum noch bewegen, das Atmen fiel ihm schwer, Herzbeschwerden quälten ihn, aber er aß und aß immer weiter.
Schon mußten Ländereien verkauft werden, sein Reich verkleinerte sich und schmolz dahin. Der König war nicht nur krank, sondern auch arm. Seine Diener verließen ihn, da er sie seit langem nicht mehr entlohnte. Als letztes verkaufte er sein prächtiges Tafelgeschirr, aber es war bereits zu spät, denn kurz danach starb er.
So bestrafte ein kluger Goldschmied aus dem Reich der Zwerge einen unwürdigen Herrscher.






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