Das verrostete Schwert

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Die verwitterte alte Burg stand über den Wolken auf der höchsten Spitze des Berges und war nur selten zu sehen. Zerstoben jedoch die Wolken, so sah man vom Tal aus die gespenstischen grauen Zacken der Mauer, eine von der Zeit angegriffene schiefe Steinmasse. Vor dem Regen, an klaren Tagen, waren deutlich die kleinen Fenster zu erkennen, aber kein menschliches Wesen zeigte sich dort jemals. Der Weg hinauf war von hohem Gras überwuchert uns seit langem kaum noch benützt worden. Einmal in der Woche stieg eine alte Bäuerin hinauf und brachte einen Korb Lebensmittel.
So rauh und unfreundlich diese Burg aussah, so unfreundlich waren auch ihre Bewohner. Der alte Herr war ein ungeduldiger, jähzorniger Mann, der seine ganze Umgebung tyrannisierte. Seine Frau gehorchte ihm schweigend und rächte sich dafür an anderen.
Die Dienerschaft der Burg bestand aus dem betagten, halb tauben Kammerdiener und der dicken Köchin. So entlud sich der angestaute Zorn der Dame auf dem einzigen rechtlosen Geschöpf, auf dem sechzehnjährigen Mündel des alten Herrn, der freundlichen Gerda.
Mit fünf Jahren war Gerda nach dem Tode ihrer Eltern auf die Burg gebracht worden und hatte sie seitdem nicht mehr verlassen. Von früh bis spät mußte sie schwer arbeiten, unzählige Male lief sie die steilen Treppen hinauf und hinunter und jeder hatte etwas an ihr auszusetzen und versuchte, die eigene Unzulänglichkeit an ihr abzureagieren.
Es schien, als ob die Bewohner der Burg von der Welt und den Menschen vergessen worden waren. Niemals kam ein Besucher herauf, nicht mal der Geistliche machte sich die Mühe, den steilen Weg zu erklimmen.
Eines Abends starb unerwartet die Burgherrin. Man verständigte in aller Eile den einzigen Sohn, der im Ausland studierte und befahl ihm, sofort heimzukehren. Er traf am nächsten Tag zu später Stunde ein.
Die Burgherrin wurde in aller Stille in der Familiengruft beigesetzt. Das Leben veränderte sich kaum. Nach wie vor faulenzte die Köchin und versuchte, die besten Bissen für sich zu stehlen, und wie zuvor hallten die müden, schleppenden Schritte des Kammerdieners in den Räumen. Der Sohn machte keine Anstalten, zu seinen Studien zurückzukehren. Er schien mit seinem trüben Dasein zufrieden zu sein.
Eines Abends betrat er das Arbeitszimmer seines Vaters und sprach diesen an: "Ich sah heute Gerda Wasser vom Brunnen holen. Ordne bitte an, daß sie keine schwere Arbeit mehr tut." "Sie muß ihren Lebensunterhalt verdienen wie jeder andere. Im Übrigen mische dich nicht in meine Angelegenheiten ein." "Vater, das Mädchen braucht hier nichts zu verdienen, sie ist die Reichste von uns allen. Du hast ihr Vermögen an dich gerissen, und das war groß. Nimm eine Magd, Gerda ist aus edlem Geschlecht." "Sei still und widersprich mir nicht", gebot der Burgherr ungehalten, "sie weiß weder etwas von ihrer Familie noch von dem Geld." "Das ist doch nicht möglich!", rief der Sohn empört aus, "wie konntet ihr das Tun? Das ist ja ungeheuerlich!" "Was glaubst du wohl, woher wir die Mittel für dein Studium haben? Für die kostspieligen Auslandsaufenthalte? Misch dich da nicht ein! Sie ist und bleibt eine Magd!" "Vater, hast du das Mädchen schon einmal angesehen, ihren Wuchs, ihr Wesen, ihr Benehmen? Sie ist eine Dame, keine Dienerin!" "Warum verteidigst du so lebhaft ihre Interessen? Ist etwas?", fragte der Vater mißtrauisch.
"Ja", bekannte der Sohn freimütig, "ich liebe sie und werde sie heiraten!" "Was? Hinaus mit dir! Verlaß sofort dieses Haus! Wage es nicht, mir noch einmal unter die Augen zu treten, solange du solchen Unsinn redest! Hinaus! Wenn du schon heiraten willst, so bring mir ein reiches Mädchen aus angesehener Familie! An diese Magd wage nicht mal zu denken!" "So hör mich doch an, Vater. Wir haben uns ausgesprochen, ich will das Mädchen heiraten, ob mit oder ohne Geld. Es ist mir ernst!" "Hinaus!", schrie der alte Mann bebend vor Zorn. Bei Tagesanbruch verließ der Sohn sein Zuhause und reiste ab.
Eines Tages blickte der Burgherr aus dem Fenster und sah ein zauberhaftes junges Mädchen im Hof stehen. "Wer ist denn das?", fragte er seinen Diener. "Das ist doch Gerda, gnädiger Herr, eure Magd." "Sie ist keine Magd", herrschte ihn der alte Mann an, "sie ist mein Mündel und eine Edelgeborene! Merk dir das. Ruf sie her!"
Zum ersten Mal seit vielen Jahren betrat Gerda die Bibliothek. "Hm, du bist also die kleine Gerda, hm, ja. Geht es dir gut hier? Ab morgen brauchst du weder Wasser vom Brunnen zu holen, noch andere schwere Arbeit zu tun. Komm lieber her zu mir. Ich bin ein alter, einsamer Mann, der etwas Ablenkung braucht. Du wirst mir vorlesen und für mich sorgen. Kannst du lesen?""Ja, gnädiger Herr", Gerda senkte den Kopf. "Nenne mich nicht ‚gnädiger Herr', sage einfach Onkel zu mir.""Ja, gnäd..., lieber Onkel", die reinen Augen des Mädchens blickten voll Dankbarkeit den alten Mann an.
Ab da verbrachte Gerda die meiste Zeit in Gesellschaft des Burgherrn. Eines Tages nach der Lesestunde fragte er sie wohlwollend: "Würdest du gerne heiraten und den Platz meiner verstorbenen Frau hier einnehmen?" "Ja", kam die Antwort. Die Wangen des Mädchens glühten.
"Nun wohl", sagte der Herr zufrieden, "ich habe mich entschlossen, dich zu heiraten." "Nein!", rief das unglückliche Mädchen entsetzt, "ich dachte an euren Sohn, nicht an euch, Onkel!""Er ist zum Heiraten zu jung. Gehe und bereite dich zur Hochzeit vor. Weine nicht, ich kann Tränen nicht ausstehen. Nun, gehe schon."
Kein Flehen, kein Bitten, kein Weinen half. Man sperrte sie in die Kammer ein. Die Vorbereitungen zur Hochzeit begannen.
Verzweifelt vergoß Gerda die tränen in ihrem Gefängnis, laut flehte sie um Hilfe, niemand kam. Es dämmerte schon, da hörte sie hinter sich ein Piepsen und erblickte ein kleines Männlein.
"Warum weinst du so laut?", fragte es, "mein Herr, der König Murami, schickt mich, um zu fragen, ob du Hilfe brauchst." Gerda klagte ihr Leid. "Wenn nicht mehr passiert ist, so ist alles gar nicht schlimm. Weine nicht, Mädchen, es wird dir geholfen werden. Auch deinen Liebsten rufen wir herbei. Morgen komme ich wieder."
Am nächsten Morgen aber wurde Gerda gegen ihren Willen mit dem alten Mann getraut. Nur wenige Gäste waren dabei. Gleich nach der Trauungszeremonie schloß sie sich in ihrem Zimmer ein und ließ niemanden herein. Am gleichen Nachmittag traf der Sohn auf der Burg ein. Eilig lief er hinauf.
"Was hast du dir gedacht, Vater?", schrie er schon von weitem, "ich lasse mir das Mädchen nicht nehmen!" "Du kommst zu spät", lachte höhnisch der alte Mann, "wir sind bereits verheiratet! Fahre zurück und such dir eine andere Braut!""Oh, du Unmensch! Ich werde gehen und laut in die Welt hinausschreien, was für ein Ungeheuer du bist!" "Nichts wirst du! Ich zwinge dir schon Gehorsam auf!" Er läutete. "Sind die Handwerksbuschen noch im Keller? Lasse sie kommen!"
Der junge Mann wurde von kräftigen Armen gepackt, in das tiefste Verlies gezerrt und dort lebendig eingemauert.
Der letzte Stein wurde angebracht. Hinter der Wand herrschte Stille. Der Sohn verlor das Bewußtsein.
Gleichzeitig bauten die Zwerge von hinten die Wand auseinander, trugen den ohnmächtigen jungen Mann in die geräumige Malachithalle, richteten ihn auf, lösten seine Fesseln und lehnten ihn an die Wand.
"Schlafe hier, bis dein Mädchen in größter Not nach dir ruft! Der Tag deines Kommens wird das Ende deines Vaters sein."
Darauf überzog sich die Gestalt des jungen Mannes mit einer dicken Schicht des Malachits und erstarrte zu einer Säule.
Inzwischen brachten die kleinen Wesen ein altes verrostetes Schwert in Gerdas Zimmer. "Solange dieses Schwert über deiner Tür hängt", belehrte man sie, "wird keiner das Zimmer betreten können, der dir nicht wohlgesinnt ist. Nur durch das Anrufen der Unterwelt ist die Macht des Schwertes zu brechen, aber auch dann nur zum Teil. Zwar wird derjenige, der den Bösen beschwört, in dein Gemach eindringen können, aber die Wunden, die ihm das Schwert schlägt, werden nicht heilen."
Ein Schlüssel drehte sich im Schloß. An der Schwelle stand der Burgherr. "Komm mit!", befahl er kurz. "Nein!", antwortete Gerda entschlossen. "Ich bleibe hier. Nur mit eurem Sohn verlasse ich diesen Raum." "Komm mit!", schrie er und versuchte die Schwelle zu übertreten. Er prallte zurück und fiel zu Boden. "Was hast du dir für eine Teufelei ausgedacht? Laß mich sofort herein!" "Geht, Onkel, dieses Zimmer werdet ihr nicht betreten", antwortete Gerda.
Die Tür stand offen, aber keiner vermochte die Schwelle zu überschreiten. Der alte Mann lief in sein Arbeitszimmer, schloß sich ein, suchte nach alten, verstaubten Büchern und las die ganze Nacht darin. Gegen Morgen glaubte er, der Lösung nahe zu sein.
Auch an diesem Tag weigerte sich das Mädchen, ihr Zimmer zu verlassen. Weder Drohungen noch Bitten brachten sie dazu.
"Warte, du kleine Hexe", drohte der Burgherr, "ich hole dich selbst heraus!" Er murmelte einige unverständliche Worte und versuchte vorsichtig den Raum zu betreten. Es mißlang. Darauf sagte er noch etwas, näherte sich der Tür und... betrat das Zimmer. Gerda griff nach dem Schwert und wich zurück. Sie wurde grob gepackt und herausgezerrt. In ihrer Verzweiflung holte sie aus und versetzte ihrem Peiniger einen Hieb. Er schrie auf und fiel zu Boden.
Von diesem Tag an mußte der Burgherr das Bett hüten. Seine Wunde auf der Schulter war tief und heilte nicht. Je mehr diese Wunde schmerzte, um so stärker wurde sein Verlangen, Gerda zu quälen, sie zu demütigen. Dieses Gefühl steigerte sich so weit, daß er die Beherrschung restlos verlor.
"Bringe sie mir her!", befahl er einem Diener, "wage dich nicht unter meine Augen ohne sie!"
Der Diener gehorchte, lief hinauf und log dem Mädchen vor: "Kommt schnell, der Herr legt im Sterben und wünscht euch zu sprechen, um Abschied zu nehmen. Der junge Herr ist auch bei ihm."
Der Gedanke an den geliebten Mann ließ Gerda jegliche Vorsicht vergessen. Sie stürzte aus ihrer Kammer und betrat eilig das Krankenzimmer. Sie wich entsetzt zurück: Mitten im Raum stand blaß und mager der alte Mann und hielt eine lange, geflochtene Peitsche in der Hand. Von dem Sohn war nichts zu sehen. Der Diener schloß die Tür hinter sich zu.
"Jetzt entkommst du mir nicht mehr", sagte der Burgherr langsam, "im Guten wolltest du mich nicht. So komme ich denn nun im Bösen!"
Er holte aus und schlug mit aller Kraft zu. Ein heißer Schmerz durchzuckte das Mädchen. Es sank auf die Knie.
"Liebster, wo bist du... warum kommst du mir nicht zu Hilfe?", flüsterte Gerda kaum hörbar und brach zusammen. Im gleichen Augenblick bewegte sich die grüne Malachitsäule. Die Steinbrocken fielen zu Boden, der junge Mann erwachte zum Leben und eilte dem Ruf nach. Ungehindert erreichte er das Zimmer seines Vaters, drückte die Tür ein und trat hinein.
Der Burgherr holte gerade zu einem neuen Hieb aus. Als er aber den Sohn sah, erschrak er furchtbar, zuckte zusammen und fiel zu Boden.
Laut schluchzend warf sich Gerda in die arme des Geliebten.
Immer noch sieht man an klaren Tagen die verwitterte alte Burg hoch auf der Spitze des Berges stehen, aber in den kalten Mauern herrscht jetzt Frieden und Freude. Tagsüber hört man Kinderstimmen und fröhliches lachen. Gerda ist doch die Herrin der Burg geworden, wenn auch anders, als der alte Herr es wünschte. Dieser ruht neben seiner Frau in der kleinen Familiengruft.



 

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