Zwerg Murami

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Von hohen Bergen wie von einem Ring umschlossen, lag eine grüne Wiese. Ein Bach plätscherte dahin. In seinem klaren Wasser spiegelten sich die Ufer mit dem weichen smaragdgrünen Gras und vielen Blumen. Jede der Blume hatte eine andere Farbe und Form und jede duftete anders.

Dieses Tal war ein kleines Stückchen Paradies zwischen dem grauen Massiv der kahlen Berge. Und dieses Paradies bewohnten lustige Feen, die von Blume zu Blume flogen, sangen und tanzten und sich mit den schönsten Blüten schmücken. All diese Wesen waren leicht und lieblich, die schönste unter ihnen aber war die Königin selbst. Auch ihr Leben bestand nur aus Freude, Spiel und Tanz.

So ging es viele Jahre lang, bis der Herr der Berge, der Zwerg Murami, sie erblickte. Von da an warb er beharrlich und zäh um die liebliche Feenkönigin. Er wollte sie für sich gewinnen, sie mit in die ewige Finsternis des Berges nehmen, dorthin, wo keine Blumen blühen, wo kein klarer Bach plätschert, weit weg von den Freundinnen und dem blauen Himmel.

"Heirate mich, und du wirst die Herrin des Berges werden";, bat er. "Was ist schon dein Bach? Wasser, nichts als Wasser! Ich erschaffe dir einen unterirdischen Bach aus reinsten Aquamarinen und Bergkristallen."

"Aber darin kann ich nicht baden";, entgegnete die Feenkönigin.

"Er ist dafür aber sehr kostbar und schön."

"Ich möchte hier unter der goldenen Sonne bleiben und in diesem Blumengarten tanzen.";

"Was ist schon die Sonne! Meine Rubine leuchten feuriger als die Sonne, die doch nur blendet und brennt. Und deine Blumen? Faßt man sie an, so zerbrechen sie. Ich baue dir einen Edelsteingarten, der seinesgleichen nicht hat, der nie verwelkt. Komm mit, heirate mich!"

"Ich liebe den Nachthimmel mit seinen funkelnden Sternen und den milden, frischen Wind."

"Was ist ein Sternenhimmel? Ich errichte dir einen Himmel aus den prächtigsten Sternsaphiren, einen so schönen und kostbaren, wie es ihn noch nie gab. Bei mir im Berg arbeiten Tausende von Zwergen, die dir jeden Wunsch erfüllen werden. Gehst du aber nicht freiwillig mit, so überschütte ich deine Wiese mit Steinen und verwandle sie in eine staubige Wüste!"

"Lasse nur hier alles so, wie es ist", bat die Feenkönigin. "Ich werde dich heiraten. Nur erlaube mir, einmal im Monat einen Tag lang hier oben zu verbringen, mit Spiel und Tanz, wo wie bisher."

"So soll es sein, ich erlaube es dir."

Die zerbrechliche, entzückende Feenkönigin heiratete den mächtigen Herrn der Berge. Es war ein prunkvolles Fest, und er überhäufte sie mit kostbaren Geschenken. Die Hochzeitstafel wurde von Bergzwergen und Feen gemeinsam geschmückt. Viel feines Gold- und Silbergeschirr schleppten die Zwerge aus den Kammern. Die leichtfüßigen Feen brachten duftende Blumen herbei.

Nach dem ersten Trunk sagte Zwerg Murami zu seiner Frau: "Noch einGeschenk habe ich für dich. Ich erfülle dir einen Wunsch. Er mag noch so ungewöhnlich oder ausgefallen sein. Wünsche dir etwas!"

"Mir fällt nichts ein. Du hast mich bereits so reich beschenkt, daß ich mir nichts mehr wünsche."

"Dann verschieben wir es auf später. Sobald dir etwas einfällt, sage es mir, und ich erfülle dann deinen Wunsch."

Von Sonnenschein und dem Blumenduft wurde die niedliche Feenkönigin nun getrennt. Mit stiller Sehnsucht dachte sie an die fröhlichen Zeiten unter dem blauen Himmel zurück, an ihre lustigen Gespielinnen. Hier im Inneren des Berges war das Leben anders. Es wurde weder gescherzt noch getanzt oder gesungen, hier wurde angestrengt gearbeitet. Auch ihr Mann arbeitete den ganzen Tag. Er beherrschte jede Tätigkeit vollkommen, angefangen vom Erz holen, am Glühofen stehen und schmelzen, bis zu den feinsten Goldarbeiten. Sie wunderte sich über seine Geschicklichkeit und Ausdauer.Nach und nach lernte die neue Herrin des Berges ihr Reich kennen, ihre Untertanen verstehen und die Arbeit schätzen.

Eines Tages führte ihr Mann sie durch die Hallen und Werkstätten. Dabei kamen sie in einen kleinen Raum, in dem nur wenige verrußte Gestalten beschäftigt waren. Jeder war tief in seine Tätigkeit versunken, jeder fertigte einen anderen Gegenstand an.

"Warum sind sie von den anderen abgesondert?" wollte die Fee wissen.

"Das sind ungewöhnlich begnadete Geschöpfe. Sie haben von der Natur eine seltene Gabe erhalten, nämlich ihre Wünsche und Gedanken in die von ihnen gefertigten Schätze einzuarbeiten. Dazu benötigen sie Ruhe und Konzentration. Es sind gute und böse Gedanken und Wünsche. Siehst du diesen kleinen Alten dort in der Ecke? Er ist ganz besonders phantasievoll und geschickt. Je nach Laune fertigt er die seltsamsten Gegenstände an, und jeder bringt seinem Besitzer Freude oder Unglück. Er hat eine ganze Menge Erinnerungen, die ihn an seine Werke binden. Es sind tragische und beglückende, komische und lustige dabei."

"Aber wenn solche Wünsche Unheil anrichten, so muß man damit aufhören und die Sachen vernichten!"

"Manche bringen auch Glück", meinte König Murami versonnen, "all diese Schätze haben ihre eigene Geschichte."

"Würdest du mir einige erzählen?"

"Wenn es dir Freude bereitet, gerne."

Und König Murami begann zu erzählen...

"Ich meine nur solche, die Kummer und Leid bringen. Man sollte sie vernichten und nie wieder neu erschaffen. Meinst du nicht auch?"

"In der Natur besteht ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. Man kann es nicht beeinflussen, auch Unglück gehört zum Leben."

"Erzähle mir mehr darüber. Ich möchte die Geschichten über die Kleinode dieser Meister kennen lernen."

"Wenn es dir Freude macht, gerne."

"Ja, ich bitte dich darum."

Und der weise König Murami begann zu erzählen...


 


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